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Bootswerft Funger - Perfektion aus dem Binnenland

Eine Bootswerft mitten auf dem flachen Land am Niederrhein? Rhein oder Niers meilenweit entfernt? Hier eine Bootswerft zu gründen, das sei der größte Fehler seines Lebens gewesen, sagt breit grinsend Bootsbaumeister Sebastian Funger. Nein, natürlich steht er zum Standort Kempen, er will nicht weg an die Küste oder irgendeinen Stausee. Eigentlich ist der Niederrhein ein Eldorado für den Bootsbau, denn überall werde gerne gesegelt, gerudert, gepaddelt, erst recht hinter der niederländischen Grenze. Auch wenn der Standort auf den ersten Blick nicht gut erscheint, hat sein Unternehmen nur elf Jahre gebraucht, bekannt zu werden. Lange hat der Betrieb von der Substanz gelebt, konnte keine Rücklagen bilden. Letztendlich ist es gleich, wo die Boote gebaut werden. Mit einem Bootsanhänger kommt man überall hin.

Sebastian Funger hat sich mit der Werft seinen Kindheitstraum erfüllt – gerade am Niederrhein, weil er seine Heimat ist. Funger stammt aus Hüls, aus Krefeld-Hüls, wie die Hülser ungern hören. Als Kind war er oft an der Nordsee in den Ferien, vor allem in Husum. Stundenlang konnte er im Hafen am Kai hocken und zugucken, wie die Schiffe kommen und gehen. Selber aufs Schiff kam er aber relativ spät. So mit 15, 16 fing er mit dem Segeln an. Von Anfang liebte er die „kleinen Dinger“, Boote bis 8 Meter Länge. Und solche baut er auch heute in seiner Werft, die im Gewerbegebiet vor Kempen gelegen, kaum jemand in der Stadt kennt. Seine Kunden kommen gezielt, oft von weit her. Da ist der Standort zweitrangig, was mehr zählt, sind Können und Preise.

In der Halle werden nicht nur neue Segelboote gebaut, sondern viele ältere auch restauriert. Bis 18 Meter Länge passen hinein. Sechs bis sieben Monate bauen Funger und seine Mitarbeiter an einem Boot. Es handelt sich um bewährte Konstruktionen, Nachbauten einer Bootsreihe, die Ende der 1960er Jahre in Schweden entwickelt wurde. Västbris 20, 23 und 27 sind die Typen, doch es sind keine Boote von der Stange. Denn jeder Besitzer hat andere Wünsche, vor allem unter Deck. Auf das Schweden-Boot, das heute dort gar nicht mehr gebaut wird, kam er durch Zufall. Ein Freund „stolperte“ über diese Boote und wusste sofort, dass Sebastian Funger diese traditionelle Linie gefallen würde. Der Rumpf besteht aus Kunststoff, aus Epoxylaminat, der in Vakuuminfusion laminiert wird. Die Holzaufbauten bestehen je nach Zweck und Kundenwunsch  aus Fichte, Mahagoni oder Teak.

Das schwedische Segelboot ist an der Seetauglichkeit von Walfangbooten orientiert. Der hochgezogene Bug ist den alten Wikingern abgeschaut. Dadurch fällt es leichter, bei starken Wellen „trocken“ zu segeln. Funger hat selber in der Eifel das Segeln gelernt. Seit Pfadfinderzeiten liebt er die Rurtalsperre und die Landschaft der Eifel. Manchmal erscheine sie ihm wie eine Fjordlandschaft. Der heute 45-jährige Familienvater ist vor dem Abi von der Schule gegangen, um in eine Bootsbaulehre zu gehen. Dazu musste er nicht einmal umziehen. Seine Lehrzeit machte er in Krefeld, bei Kother, einer Werft, die Jollenkreuzer baute. 1997 hat das Unternehmen zugemacht. Als Bootsbauer ist man Alleskönner: Man muss mit Holz, Kunststoff, Elektronik und Motoren Bescheid wissen. Ein Schreiner sei er trotzdem nicht, sagt er mit Nachdruck. Da gebe es zu viele rechte Winkel, etwas, was es auf einem Schiff so gut wie nicht gibt. So baut Funger keine Möbel. Nach Zivildienst und Gesellenzeit suchte er in Norddeutschland und der Eifel Arbeitsstellen, parallel besuchte er die Meisterschule. 1998 gründete er seine eigene Werft. Es war sein Traum, in der Heimat in Krefeld sein Glück zu versuchen. Sonst wäre er nicht zurückgekommen. Dass es letztendlich Kempen wurde, war Zufall: Dort fand er im Hinterhof eine preiswerte Halle. Sie passte für die Anfangsphase von den Ausmaßen. 2008 ist die Bootswerft an den jetzigen Standort gezogen.

Das Reparaturgeschäft ist die Basis. Bei seiner Werft macht dieses über die Hälfte des Umsatzes aus. Und Funger ist beileibe nicht der einzige. Im Umkreis von 25 Kilometern gibt es im Nettetaler Raum noch zwei Kollegen. Mit seinen zwei Gesellen und zwei Auszubildenden schafft Funger im Jahr einen bis anderthalb Neubauten. Seine Modelle der zweiten Generation kosten zwischen 58.000 und 80.000 Euro. In Kempen ist gerade der 13. Neubau in Arbeit. Die aktuellen Kunden kommen aus Jena und der Schweiz. Die Kunden finden die Bootswerft im Binnenland auf Messen und durchs Surfen im Internet. Im Herbst geht es auf die Hansemesse in Hamburg. Eine zweite wichtige Bootsmesse gibt es in Friedrichshafen am Bodensee. Dort trifft man auch auf Kollegen, die Großserien für Segler und Wassersportler produzieren. Da werden oft 12 Boote am Tag gebaut. Der Verband der Bootsbauer hat Kleinserien keine Zukunft gegeben. Doch Funger ist einer der wenigen Werftbetriebe, die überlebt haben und zu ihrem individuellen Konzept stehen. Seine Frau segelt gerne mit und arbeitet im Büro der Firma. Die Kinder (18/20) teilen die maritime Leidenschaft weniger.

Die Boote, die in Kempen gebaut werden, wurden einst für Kattegat und Skagerrak, den Übergang von Nord- zur Ostsee konzipiert. Es handelt sich um ein schwieriges Segelgebiet. Fungers Segelboote sind dort bestens seetauglich. Trotz starker Gezeiten gibt es keine Probleme, das Boot kann nämlich nicht trockenfallen. Selbst wenn man Sebastian Funger nur zuhört, spürt man, mit wieviel Liebe hier Boote gebaut werden. Zum ersten Mal entsteht in seiner Halle gerade ein „grünes Boot“, ein Boot mit Elektromotor. Funger streicht mit der Hand über ein bereits lackiertes Holzteil und strahlt: „Ich habe einen der schönsten Berufe, die man haben kann.“

 

Bootswerft Funger
Industriering Ost 23
47906 Kempen

Tel.: 02152-55 99 40

info@bootswerft-funger.de

www.bootswerft-funger.de

Stand: Juni 2014