Textil


Leute machen mehr als Kleider

Der Sonnenschutz-Membran am Hotel Burj Al Arab in Dubai oder dem Dach des Berliner Olympiastadions sieht man es nicht an: Der Stoff kommt aus Krefeld von der alteingesessenen Verseidag, der 1920 von etlichen alteingesessenen Firmen gegründeten Vereinigten Seidenwebereien AG. Er hat aber nichts mehr gemein mit den einstigen Textilien aus Baumwolle und Seide, denn er ist ein durchkonstruiertes technisches Produkt, variabel gestaltet je nach seinem Einsatzzweck und nutzbar bei Temperaturen zwischen minus 60 und plus 250 Grad. Deshalb lieferte Verseidag Indutex auch für die Zeltstadt Mekka, als nach einem verheerenden Brand nicht brennbare Planen gesucht wurden. Seither ist nichts mehr passiert.

Gewebt wird bei Achter & Ebels (Aunde) in Mönchengladbach immer noch, doch hat sich das Textilunternehmen längst vom „Stöffchenlieferanten zum Systemhersteller“ gewandelt: Autohersteller erhalten nicht mehr nur den Stoff für die Sitzbezüge, sondern komplette Sitze, die nur noch eingeschoben werden müssen. Und das nicht nur in Deutschland, sondern in 22 Ländern, in denen das Unternehmen 83 Werke betreibt.

Das sind zwei Beispiele für den erfolgreichen Wandel von Textilunternehmen, die auf der Höhe der Zeit und just in time produzieren, die die Kriterien von Rolf. A. Königs, des Vorsitzenden des Verbandes der Rheinischen Textilindustrie, erfüllen: Produktflexibilität und Standortmobilität. Von derart erfolgreich am Markt operierenden Unternehmen sind noch eine ganze Menge am Niederrhein zuhause.

Zwar gibt es nicht einmal mehr ein halbes Dutzend Krawattenstoffwebereien, doch werden 80 Prozent der in Deutschland verkauften Krawatten von Krefeld aus gemanagt, entworfen und vertrieben. Dazu gehören auch Ascot Krawatten, von denen es heißt, sie seien der Maßstab, an dem sich andere Hersteller messen lassen müssen. In Krefeld wird deshalb auch der Krawattenmann des Jahres gekürt.

Zwar werden am Niederrhein keine Hemden und Hosen mehr gefertigt, doch wird in Mönchengladbach bestimmt, welche Stoffe in welchen Farben wie geschnitten und genäht werden – bei der Edelmarke van Laack genauso wie bei Gardeur, Alberto, Zerres, Cinque oder Michèle. Die Kreativität bleibt am Niederrhein, das Handwerk wird preiswert und qualitätskontrolliert im Ausland eingekauft.

Deshalb präsentiert Krefeld, einst wegen seiner Seidenwebereien das „deutsche Lyon“ genannt und sich selbst als Samt- und Seidenstadt bezeichnend, die größte Straßenmodenschau der Welt. Und „Mönchengladbach zieht an“, nachdem vom rheinischen Manchester der Baumwollzeit nicht mehr viel übrig ist. Das gilt sogar im doppelten Sinn. Denn rund 1.800 junge Leute werden in Mönchengladbach in Textil- und Bekleidungstechnik ausgebildet. Dieser Fachbereich der Hochschule Niederrhein ist der größte in Europa und deshalb auch bei ausländischen Studenten hoch angesehen: Etwa 360 kommen aus 57 Nationen. In 32 Laboratorien forschen und lehren 26 Spezialisten für die Fachgebiete der textilen Kette von der Faser bis zum konfektionierten Endprodukt der Bekleidung, der technischen Textilien und der Haus- und Heimtextilien.

Theoretisch und praktisch gut ausgebildete Ingenieure, Designer und Kaufleute stehen am Niederrhein zur Verfügung. Das wissen nicht zuletzt auch die zahlreichen Unternehmen aus dem Textilmaschinenbau zu schätzen, der am Niederrhein in hervorragender Weise vertreten ist. Die Textil- und Bekleidungsindustrie kann sich aber auch auf standortnahe Forschung im Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West (DTNW) und im wfk-Forschungsinstitut für Reinigungstechnologie e.V. stützen. So greift ein Rad ins andere, um den Textilstandort Niederrhein am Puls der Zeit und des Marktgeschehens zu halten.

Initiativen

teXellence – Kompetenznetz Textiler Niederrhein: Ziel ist der Aufbau eines textilen think tanks, in dem Unternehmen gemeinsam mit der Hochschule Niederrhein und den Textil-Forschungseinrichtungen Zukunftslösungen für die Textilindustrie von morgen erarbeiten. Das Netzwerk kann auch dazu dienen, neue Geschäftsfelder und -kontakte zu generieren und gemeinsame Marketingaktivitäten zu entwickeln.

ZiTex – Zukunftsinitiative NRW: Unternehmensverbände der Textilwirtschaft und die Gewerkschaft wollen gemeinsam die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Unternehmen und ihrer Beschäftigten sowie der Forschungseinrichtungen verbessern sowie die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.

In guter Gesellschaft

Ansprechpartner

Bertram Gaiser
Geschäftsführer
Standort Niederrhein GmbH
02131 / 92 68 592
gaiser@standort-niederrhein.de

Wussten Sie
schon ...

... dass die Korschenbroicher Brauerei Bolten die älteste Altbierbrauerei am Niederrhein ist?

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